Wachstumsprobleme im Fußball

Wenn der Körper aus dem Lot gerät …
… wie Probleme der Körperstatik den Jugendsportler beeinflussen
Dr. rer. nat. Oliver Ludwig

Nicht jeder Mensch ist genau gleich gebaut. Das Skelettsystem kann viele Varianten der „Norm“ aufweisen, die nicht krankhaft sind, die aber die Haltung und Bewegung negativ beeinflussen können.
Besonders kritisch ist dabei die Wachstumsphase von Jugendlichen im Alter von 12 – 15 Jahren. Trainer beobachten hin und wieder, dass ihre B-, C- oder D-Jugendspieler nach der Sommerpause körperlich völlig verändert im Training erscheinen. Eine starke Wachstumszunahme hat aber oft ihren Preis: die Muskulatur verkürzt, die Körperhaltung, Koordination und Motorik haben sich innerhalb weniger Wochen verschlechtert.
Solche wachstumsbedingten Veränderungen der Körperstatik sind auch für den Trainer erkennbar, der gegebenenfalls zu Physiotherapeut oder Arzt kanalisieren sollte.

Das Längenwachstum von Jugendlichen findet vor allem in den Röhrenknochen von Ober- und Unterschenkel statt. Hier gibt es bestimmte Bereiche, die Wachstumszonen, in denen der Körper neues Knochenmaterial produziert und dadurch die Knochen verlängert. Nicht immer sind die Wachstumszonen in beiden Beinen gleichmäßig aktiv. Es kann vorkommen, dass – zumindest eine kurze Zeit lang – ein Bein schneller wächst als das andere. Diese Beinlängendifferenz wirkt sich auf den Beckenbereich aus. Auf der Seite des längeren Beines schiebt sich das Becken etwas nach oben.

Da die Wirbelsäule über einen zapfenartigen Knochen, das Kreuzbein, im Beckenring verankert ist, verkippt auch gleichzeitig das Kreuzbein. Die Gelenke zwischen Kreuzbein und Becken, die Kreuz-Darmbein-Gelenke (Ileosacralgelenke, ISG) können in solchen Fällen blockieren. Das bedeutet, dass die Gelenkbeweglichkeit in diesen Gelenke eingeschränkt ist und die Federbewegung, die die ISG während Laufbewegungen machen, vermindert ist. Dies kann nicht nur zu typischen Schmerzen im Bereich der ISG führen, sondern auch durch Schutzverspannungen der unteren Rückenmuskulatur zu Kreuzschmerzen.

Wenn Becken und Kreuzbein, die „Fundamente“ der Wirbelsäule, aufgrund einer Beinlängendifferenz schief stehen, so muss die Wirbelsäule diese Verkippung ausgleichen, denn der Körper versucht, den Kopf immer gerade zu halten. Dadurch kommt es zu Seitverbiegungen der Wirbelsäule, vor allem im Lenden- und Brustbereich (so genannte Skoliosierungen). Diese können Schmerzen im Bereich der Wirbelgelenke auslösen, aber auch wieder zu Muskelverspannungen und muskulärem Ungleichgewicht („Dysbalancen“) führen.

Auch der Laie kann stärkere Verschiebungen des Rumpfes erkennen: die Taillendreiecke (der Raum zwischen den Taillen und den herabhängenden Armen) sind dann links und rechts unterschiedlich, weil sich der Oberkörper seitlich gekrümmt hat. Fällt dem Trainer eine solch starke Asymmetrie auf, so sollte er den Jugendlichen zu einer Untersuchung beim Physiotherapeuten oder Arzt weiterleiten.

Im Bereich des Fußballs können Verkippungen der Beckenregion auch spielrelevante Folgen haben. Durch die Verschiebung des Beckens muss es nicht zwangsweise zu Beschwerden kommen, allerdings verschieben sich in der Leistenregion auch die Ansatzpunkte der Adduktormuskeln. Diese ziehen das Bein zum Körper hin und werden bei vielen Spielsituationen (z.B. Schuss mit dem Innenrist) gebraucht. Fehlstellungen im Becken begünstigen allerdings Reizungen der Adduktor-Ansatzstellen, die so genannte „Fußballer-Leiste“. Hinzu kommt eine Verwringung im Bereich der Schambein-Symphyse, einer knorpeligen Struktur, die die beiden Schambeine miteinander verbindet. Bei Schmerzen in der Leistengegend sollte daher im Rahmen der ärztlichen Diagnostik auch immer der Status der Beckenregion und Lendenwirbelsäule mit untersucht werden.

Tests der „Biomechanik“ sind gerade in den Wachstumsphasen von Fußballspielern empfehlenswert, um frühzeitig Fehlentwicklungen festzustellen. Beinlängendifferenzen können, zumindest zeitweise, durchaus gut mit Einlagen oder Erhöhungen am Fußballschuh ausgeglichen werden. Wichtig ist allerdings, dass regelmäßig nachkontrolliert wird, denn eine ungleiche Aktivität der Wachstumsfugen kann sich auch wieder ausgleichen.

Dr. Oliver Ludwig
Universität des Saarlandes, Lehrbeauftragter für Haltungs- und Bewegungsstörungen
Zender Orthopädie GmbH, Biomechanik-Labor

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(Fotos und Grafiken (c) O. Ludwig)